texte

Margit Hartnagel im Gespräch mit Mechtild Widrich

Mechtild Widrich: „weißes, feines, fragiles gewebe, über den rahmen gespannt, körper mit außenfläche und einem dahinter“, so beschreibst du selbst deine Arbeiten. Um was geht es genau?

Margit Hartnagel: Es geht darum, zu „den Gegebenheiten zu kommen“ – so habe ich das formuliert. Der Ausgangspunkt, also die Bedingungen von Kunst sollen wahrgenommen und reflektiert werden. In meinem Fall das Medium Malerei. Zunächst muss das Material, also der Bildkörper, der Stoff oder Träger sowie die Farbe als Voraussetzung für ein Bild erkannt werden. Es ist diese Beobachtung, die ich in meine Arbeit einbeziehe, und nicht etwas, was ich mir ausdenke – sei es etwas Vergangenes oder etwas, das ich in die Zukunft projizieren möchte. Ich möchte das sichtbar machen, was ich in diesem Moment vor mir sehe und wie ich es in diesem Moment vor mir sehe. Ohne aber bei dem zu verbleiben, sondern vielmehr als Ausgangspunkt.

MW: In deinen Arbeiten fällt eine Spannung auf, zwischen der schon angesprochenen Betonung des Materiellen – also eine gewisse Selbstreferentialität – und der Auflösung dieser Materialität. Das einzelne Bild scheint mit dem Umraum zu verschmelzen, weil es mit dem Blick nicht fixiert werden kann. Die rein optische Erfassung und Abgrenzung ist sehr schwierig. Das Immaterielle wie das Licht, aber auch das Raumgefühl, werden dadurch sehr präsent.

MH: Ja, es soll nicht die Wichtigkeit des einzelnen Bildes hervorgehoben werden, sondern ich versuche, alles in Bezug zu setzen. Es geht um Verhältnisse, zwischen Bild und Raum, Bild im Raum und Raum im Bild – darum arbeite ich auch meistens seriell und es gibt viele ähnliche Bilder nebeneinander, die ich als Installation anordne.

MW: Gibt es einen direkten Bezug zum Betrachter und dessen Wahrnehmung?

MH: Ich kann nicht vorgeben, was sichtbar wäre. Meine Arbeiten sind nur soweit ausformuliert, dass der Betrachter gefordert wird. Das Unscharfe hebt den Sehprozess selbst hervor. Im Moment des Betrachtens kommt es zu einer Erfahrung der Jetzt-Zeit, man muss in diesem Moment den Arbeiten etwas entgegen setzen, weil es keine Möglichkeit gibt, sich optisch an etwas festzuhalten. Jede/r muß für sich die Grenze selbst definieren, weil ich sie nicht vorgebe. Die Grenze ist für jeden woanders.

MW: Diese definiert sich über den Betrachter?

MH: Erst kürzlich habe ich jemandem meine schwarzen Arbeiten präsentiert. Er hat nur kurz hingeschaut und sich dann mit den Worten weggedreht „damit will ich mich nicht konfrontieren“. Ich fand das sehr überzeugend in dieser Eindeutigkeit. Es ist sicher eine Herausforderung, mit den leeren Flächen umzugehen und sich ihnen zu stellen.

MW: Es gibt ja auch über den Titel keinen Anhaltspunkt. Zu meiner Verwunderung habe ich dann aber den sehr poetische Titel einer Serie aus dem Jahr 1999 entdeckt: „Nie erreicht der Berg den Himmel“.

MH: Hm. Ich schreibe immer parallel zu meinen Arbeiten, oft in Form von poetischen Fragmenten. Ich schreibe vor den Bildern. Manchmal verwende ich dann diese Begriffe, ich mache das aber ungern. Für mich selbst habe ich in letzter Zeit zur Unterscheidung der Werke Bezeichnungen verwendet, die sehr mathematisch abstrakt sind: BQ 1/26 wäre die Nummer eins aus der aus 26 Werken bestehenden Serie der brauen Quadrate etwa. Ich finde die mathematische Bezeichnung – abgesehen von „Ohne Titel“ – am angemessensten.

MW: In früheren Arbeiten wird auch der Bezug zum Raum viel direkter ausgelotet.

HM: Parallel zur Malerei habe ich räumliche Arbeiten gemacht. Ich habe große, durch Einölung transparente Papierschichten in Räume gehängt und eine Situation geschaffen, in der man herumgehen konnte und sich immer wieder hinter oder zwischen den Papierbahnen befunden hat. Diese haben die Bewegungen des Betrachters aufgenommen und es wurde das normale Empfinden eines Raumes, in dem alles stabil bleibt und man das einzige ist, was sich bewegt, umgedreht. Dadurch ist ein Zustand entstanden, der gleichzeitig grenzenlos und begrenzend war. Über die Erfahrung der Fragilität wird die Person aufgefordert, sich mit der momentanen Gegebenheit auseinanderzusetzen. Letztendlich ist das Vergängliche und Fragile ein Grenzzustand.

MW: Wie bist du dann wieder auf das Bild gekommen?

MH: Dieser Schritt von der Malerei in den Raum interessiert mich nicht mehr, ich möchte vielmehr die Erfahrung, sich in einem Raum zu befinden wieder in das Medium der Malerei zurück bringen. Oft wird es als fortschrittlich betrachtet, von der Malerei endlich in den Raum zu kommen, für mich ist die Weiterentwicklung, die Malerei im Raum sowie die Übergänge und Abhängigkeiten sichtbar zu machen.

MW: War dieser Schritt für dich schwierig?

MH: Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen müsste, nicht vom Bild wegzugehen. Für mich war diese Frage sehr quälend und ich habe die Malerei permanent in Frage gestellt. Jetzt aber ist mir völlig klar, dass es diesen Zusammenhang mit dem Raum insoferne gibt, als ich die Erfahrung des Raumes in und mit der Malerei sichtbar mache – ohne Perspektive.

MW: Inwiefern ist das Moment der Wiederholung bedeutsam?

MH: Der Begriff der Zeit spielt sicherlich eine wesentliche Rolle. Die Wiederholung der Tätigkeit und die Langsamkeit des Malvorganges beim Auftragen der einzelnen Schichten, die auch ziemlich lange zum Trocknen brauchen, ist hervorgehoben. Dieses Tun wird zur Zeitlosigkeit. Jeden Tag eine Schicht, immer wieder und immer wieder. Es hat auch mit dem Aufstehen am Morgen und Schlafengehen am Abend zu tun. Immer wieder das selbe, und immer wieder ein anderes.

MW: Also ein Gegenkonzept zum emotionalen Ausbruch?

MH: In gewisser Weise entstehen die Bilder sehr beiläufig. Ich habe ja nichts zu malen im klassischen Sinn. Den Stress, nicht zu wissen, was ich malen soll, den figurative Maler oft haben, den kenne ich nicht. Ich versuche immer festzulegen, was ich festlegen kann. Seit fünf Jahren arbeite ich hauptsächlich mit den gleichen Formaten, 45x45x6 cm und 120x150x6 cm, und dem gleichen Material. Andererseits muss ich mich mit meinen Emotionen vor dem Bild auseinandersetzen, ich muss sie wegräumen, weil ich sie nicht im Bild verräumen kann.

MW: Du schreibst einmal, dass das Sehen erst beginnt, wenn der Blick zur Ruhe kommt. Das Sublime in seiner klassischen kunsthistorischen Bedeutung kommt mir bei deinen Arbeiten natürlich auch in den Sinn. Siehst du dich in einer Entwicklung, in der etwa Caspar David Friedrich und Barnett Newmann stehen?

MH: Ich denke schon, dass ich in dieser Entwicklung stehe. Mich hat dieser Begriff immer wieder beschäftigt. Wenn ich an den „Mönch am Meer“ denke, dann hat dieses Bild doch noch viel von etwas, das in der Vorstellung passiert und dann sehr erzählerisch im Bild dargestellt wird. Bei den amerikanischen Abstrakten drückt sich zunehmend die Erfahrung selbst aus und das Bild wird autonom.

MW: Früher hast du meist mit den Nicht-Farben schwarz und weiß gearbeitet, in deiner neuesten Serie kommst du von weiß ausgehend zu sehr zarten Farbtönen, die wie ein Versuch wirken, das Licht des Raumes einzufangen.

MH: In diesem Zusammenhang geht es wiederum sehr stark um den Sehprozess, darum, das Licht zu sehen (um zu sehen). Für mich sind diese neuen Arbeiten einerseits wieder näher am Gegenständlichen, weniger abstrakt als die schwarzen und weißen Bilder, andererseits ist die Leinwand sehr fein und die Farbe mit viel Flüssigkeit aufgetragen, so dass keine Struktur sichtbar wird. Dadurch wirken sie sehr immateriell und machen das eigentliche, das gesehen werden kann, sichtbar: das Licht selbst.

MW: In einer Benjaminschen „Ferne, so nahe sie auch sein mögen“?

MH: Ja, da sind wir wieder bei dem Sublimen. Ich möchte das Konkrete und das Immaterielle gleichzeitig herstellen. Manchmal befürchte ich, dass ich genau daran scheitern werde. Meist wird das eine gegen das andere ausgespielt, mein Anliegen ist aber die Verbindung von beiden. Darum dreht sich meine Arbeit. Das empfinde ich als zeitgemäß.

Wien, 2003

<< back