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„klarsicht ohne weitsicht, fernsicht ohne aussicht“

Unsere Sehgewohnheiten werden durch die Vielfalt der Bilder, denen wir ausgesetzt sind, bestimmt und vermutlich auch ständig verändert, und es fragt sich, inwieweit sie historisch festgelegte Rezeptionsmodelle unterlaufen bzw. gerade in vermeintlich klassischen Bereichen - wie dem der Malerei – Blicke destabilisieren können. Im Falle der neuen, 2003 entstandenen Bilderfolge, die Margit Hartnagel anläßlich der Eröffnung des Kunstprogramms von gugler print & media vorstellt, scheint die Bildoberfläche deren tatsächliche Materialität, bei der es sich um klassische Malerei handelt, auf verschiedene Perzeptionsmöglichkeiten hin austesten zu wollen. Distanzen zwischen der Wand, dem objektuellen Gewicht der Bildkörper, der Malerei und dem Raum werden dabei zwischen Materiellem und Sichtbaren bzw. Unsichtbarem ausgelotet. Allem voran scheinen diese Bilder Projektionsflächen, und man könnte den Hauch von Farbe und Licht als genauso projiziert wie gemalt interpretieren. Gibt dieser Schleier nicht vor, gleichzeitig als seine eigene Erscheinung vor dem Bild zu schweben wie er mit diesem als photogene Substanz unwillkürlich verschmolzen ist? Zwischen Schein und Objekt, zwischen formloser Form und dessen Fassung im Bildkörper ist das Bild zwar Bild, hat aber die Schwelle zwischen Darstellbarkeit und Nichtdarstellbarkeit dahingehend überschritten, als das Bild als sein eigenes Gegenüber gleichzeitig die Bedingungen der Malerei erkunden muß: „wie kann malerei physisch da sein?“ (Margit Hartnagel).

Die aus einer „homöopathischen spur von farbe“ (Margit Hartnagel) schimmernde Lichtoberfläche, die leuchtet, glänzt und strahlt, läßt keine Tiefe zu und drängt nach vorne, auf den Betrachter zu, der – um eben eine Distanz verringert – den Augenblick wahrnehmen muß: Die zehn neuen Bilder, die in Gruppen zu jeweils fünf Paaren angeordnet sind, muten wie eine helle und zarte Botschaft des Frühlings an, vorausgesetzt, daß sie keinen Inhalt haben und alle Arten von Bedeutung, wie abstrakt oder monochrom längst hinter sich gelassen haben. Diese formlosen, nicht-expressiven und nicht-symbolischen Farbflächen sind an die scharfen Linien bzw. Kanten der Bildkörper gelehnt, wobei die Trägerkonstruktion nicht nur eine strikte Rückanbindung an die Wand betont, sondern die Begrenzungslinien darüber hinaus eine Ordnung, eine Struktur vorgeben. Dieser Raster wurde in den älteren Arbeiten noch innerhalb des Bildes verhandelt, nun aber sind alle Horizontalen und Vertikalen daraus ausgelagert, überwunden, wenn auch nicht aufgegeben. Der in Farbe getauchte Faden, der in einer Serie von 1998 die Linien markierte, und schon damals als Spur einer Spur zurückblieb, gab eine Horizontale an, die von der menschlichen Vertikale in ein Abtasten des Raumes schwenkte, zumal wenn - wie in diesem Fall - Bildgruppen dicht nebeneinander ohne Abstand gehängt sind. Eine Verdoppelung bzw. Verschränkung von Wand und Bildkörper bedeutet schließlich auch, daß jeder Zwischenraum, jede Pause, jeder Parameter gleiche Wichtigkeit erhält und hier keine Hierarchien, die wiederum nur in das Einfordern eines Sublimen münden würden, aufkommen. Auch der Betrachter ist dann keine abgespaltene Instanz, sondern eine in diesen Prozeß gleichwertig eingebundene Konstante.

Die Malerei in den neueren Bildern hat kein Zentrum, sie schwebt und driftet, aber nicht ziel- und ortlos. Waren in den früheren Arbeiten – begonnen mit den ersten Bildern mit Punkten von 1996 - Formen zwar noch als solche ausgewiesen und im Bild entweder über das Zentrum bzw. über den Bildrand definiert, waren sie dennoch niemals Zeichen. Alle Strukturen waren stets klar, aber sie bedeuteten nichts und erinnerten an nichts: „das, was das bild nicht ist, wird nicht gemalt“ (Margit Hartnagel). Wie in den Texten der Künstlerin hebt die Struktur die Bedeutung auf, räumt weg, was schon da war – „das, was das nicht-bild ist, wird gemalt“ (Margit Hartnagel). Dennoch gilt es zu bedenken, daß Strukturen, besonders Linien Lesarten vorgeben, während nun die neuen Bilder keine ausgewiesenen Eingänge bereithalten. Agnes Martin sagte, daß man angesichts des Ozeans nicht an Form denken müßte, womit sie eine Bildkonzeption ohne Form und Bedeutung umrissen hat, in der sie metaphorisch den Raum der Malerei in seiner Gesamtheit, ohne Unterbrechung – etwa dem Ganzfeld der Wahrnehmungspsychologie vergleichbar - ausgewiesen hat.

„das, was gemalt wird, ist die malerei selbst“ (Margit Hartnagel) und der spekulierende Betrachter, so könnte man resümieren, kann zwar in diesen Bildern keinen Halt finden, sieht aber das Licht auf sich zukommen, dessen Äußeres und Ganzes ihm dieselbe Distanz nimmt wie die nahe Ferne zwischen Wiese und Himmel – „klarsicht ohne weitsicht, fernsicht ohne aussicht“ (Margit Hartnagel). Worauf soll er sich also besinnen, wenn nicht auf seine Aufmerksamkeit, die allein ihm Distanzen regelt.

Susanne Neuburger
März 2003

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